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Hinterm Horizont geht’s weiter

25.12.2017

Das Leben des legendären Sängers und Entertainers Udo Lindenberg ist geprägt von spektakulären Hochs und Tiefs. Heute steht er auf dem Gipfel seines Schaffens.
Eine Liebeserklärung von Chris von Rohr

Es gibt dünne, austauschbare Popsongs. Sie laufen jeden Tag am Radio, bis zum Erbrechen. Dann gibt es Musiker, deren Lieder dich ein Leben lang begleiten. Sie haben Songs für jede Lage, egal, ob du gerade im Liebeselend oder auf deinem Allzeithoch bist. Sie erklären dir, worum es im Leben geht, sie sind deine Landkarte durch diesen kalten oder überhitzten ­Lebensdschungel. Ihre Kreativität ist Glanz, Trost und Medizin zugleich und setzt der Schöpfung die Krone auf. Udo Lindenberg gelingt das mit der Leichtigkeit eines Stepptänzers und dem Herzen eines Löwen, und das seit bald fünfzig Jahren.

Ich war am nebligen Jurasüdfuss gerade in meiner grossen Experimentierphase in Sachen Mädchen und Beruf. Da gab mir ein Freund die LP «Ball Pompös» von Udo. Darauf fanden sich fantastische Lieder wie ­«Jonny Controletti», «Bitte keine Love-­Story» oder «Rudy Ratlos». Am besten gefiel mir jedoch der Song «Leider nur ein Vakuum» mit den Zeilen:

Normalerweise läuft das sehr gut
Doch manchmal gibt es auch ’ne Pleite
Dann wacht er morgens auf
Und Lady Horror liegt an seiner Seite
Ihr Make-up ist verschmiert
Die Sonne scheint ihr brutal ins Gesicht
Und dass ihm so was immer noch passiert
Liegt am Suff und am dunklen Kneipenlicht.

Das war ein Text, der sass, typisch Udo in der Frühphase. Wir Herumstreuner und Ausprobierer wussten genau, wovon er sprach, nur hatten wir noch nie jemand so cool und schnoddrig in deutscher Liedform über Liebe und Absturz singen gehört. Da war ein Wortsensibilist am Werk, der die Dinge, die uns beschäftigten, auf den Punkt brachte. Ich spürte insgeheim, dass wir mit denselben Ködern im grossen Wunderteich dieser Welt fischten. Es waren spannende, aber auch unsichere Zeiten.

Bald danach legte der Meister mit «Votan Wahnwitz» sein erstes Opus magnum vor. ­Allein schon der Umschlag haute mich um. Da war eine leicht entrückte, nackte Frau abgebildet, nur mit einem Cello bekleidet, mittendrin im Panik-Orchester. Ein Bild, das bei mir bis heute hängengeblieben ist. Und dann erklang die Chaos-Symphonie in Atom-Dur, die Geschichte vom wirren, durchgeknallten Dirigenten .?.?. Der neue, balladeske Udo vom anderen Stern war geboren:

Er war ein Dirigent
ein grosser Dirigent
so berühmt wie Herbert von Karajan
wenn er den Taktstock in seine Hände nahm
dann hielt das Publikum den Atem an [...]

Auch ich hielt bei diesen Zeilen den Atem an. Ging’s denn noch cooler? Es ging!

Die Sopran-Vokalistin mit den riesigen Brüsten
hatte es dem Meister angetan
doch sie liebte einen Herrn vom Ballett, der war sehr nett
der tanzte immer den sterbenden Schwan [...]

Wie er das beschrieb und über «0-Rhesus negativ» schliesslich bei «Elli Pyrelli vom Regensburger Opernhaus» landete, war schlicht genial und bislang ungehört. Kein Zweifel, die ersten beiden Platten gehören zum Feinsten, was in den Siebzigern im deutschen Pop getextet wurde.

Ich lag auf meinem violetten Hippie-Bett, hörte, was Udo mir zusang, und schwebte in ein anderes Universum. Das Schöne bei ihm: Er sprach Probleme wie Alkohol, Beziehungen, Drogen et cetera an, aber nie mit dem mahnenden Zeigfinger. Er redete unsere Sprache. Dazu wechselte er brillant zwischen Ernst und Witz. Das Grosse machte er klein durch freche Lockerheit und das Kleine gross durch Anbetung und gekonnte Überhöhung. Manches überzeichnete er musikalisch, um es aufzulockern. Udo wurde mir ein Halt, ein beruhigender, fester Wert, wenn mein Leben gerade mal wieder in Trümmern lag. Er hielt meine Träume wach.

Es war für mich die Zeit der grossen Sinn­suche in diesem ewigen Wirrwarr, genannt ­Leben. Streitthemen wie Raubtierkapitalismus, Umwelt, Computertechnik, Gewalt, ­Vietnam, Watergate, Liebe und Völlerei machten die Runde.

Wenn aber Udo die Grossbaustellen der Menschheit besang, hatte er diesen Doppel­joker in der Hinterhand. Er spielte im ganzen Weltenwahn-­Game immer wieder das Herz-Ass. Der Medizinmann mit der Friedenspfeife und seine romantische Version dieser Lebens-Soap liefen auf der Versöhnungsschiene, nichts Verbittertes, nichts lustlos Moralisierendes. Hier warf einer sein ganzes Leben in die Waag­schale. Genau das war seine Stärke und war die Message für die Jungratte: «Nimm dir das Leben – und lass es nicht mehr los.»

Vielleicht ist unsere Liebe
wie ’n Komet, der schon morgen wieder verbrennt
komm, wir rasen durchs Heute
mit oder ohne Happy-End.

In den achtziger Jahren dann seine DDR-Phase. Udo bemühte sich, im abgetrennten, sozialistischen Deutschland auf Panik-Tour zu gehen («All die ganzen Schlageraffen dürfen da singen»). Der Song «Wozu sind Kriege da»? enthielt einen berührenden Songtext aus der Perspektive eines Kindes nach der angeblichen Notwendigkeit von Kriegen.

Keiner will sterben, das ist doch klar!

Die Presse schrieb zynisch von Antiameri­kanismus in Babysprache, von einer naiven ­Antikriegsschnulze und von ­Kindsmissbrauch. Typisch hochnäsiges Darübersteher-Feuilleton. An der Basis draussen checkten aber alle, was er damit meinte, und in der DDR wurde das Lied zu einer Art Hymne für die aufkeimende Friedensbewegung.

Udo liess sich nicht beirren und legte mit dem «Sonderzug nach Pankow» nach. Ein grosser Erfolg, der aber auch Endlosdiskussionen bei der Ossi-Regierung auslöste. Sie wussten nicht, was sie mit diesem rebellischen Friedens-Freigeist anfangen sollten. Schliesslich durfte die unbequeme Nachtigall 1983 für 15(!) Minuten im Palast der Republik in Ostberlin auftreten, überwacht vom DDR-Geheimdienst, dem Ministerium für Staatssicherheit. Eine Entklemmung der grotesken Art. Mehr als die Hälfte des Publikums bestand aus Ostbeamten.

Wir von Krokus erlebten Ähnliches bei Konzerten in Polen und Ungarn und landeten schliesslich auf diversen schwarzen Listen staatsgefährdender Musik in Russland. Unser Gitarrist wusste, was es damals hiess: «Halt, hier Grenze!» Er besuchte öfter seine Freundin in Ostberlin. Das war ein einziger Eiertanz mit all den Bewilligungen, Kontrollen und Schikanen. Wir hingen an seinen Lippen, wenn er wieder eine Story aus dem «Land in Ketten» ­erzählte, wo’s für Besucher nur Tagescheine gab und keine langen, heissen Nächte. Eine üble Sache.

Du ziehst dir doch heimlich
auch gerne mal die Lederjacke an
Und schliesst dich ein auf’m Klo
und hörst West-Radio.

Seinen Höhepunkt fand das ganze Polittheater, als Udo dem DDR-Generalsekretär Erich Honecker anlässlich dessen ersten Besuchs in Deutschland die Rockerjacke und eine E-Gitarre mit der Aufschrift «Gitarren statt Knarren» schenkte. Die Lederjacke befindet sich heute im Kulturhistorischen Museum Rostock. Dann ging’s plötzlich Schlag auf Schlag. Konzert in Moskau, Mauerfall, DDR-Tournee, Ziel erreicht. Die Fans im Osten werden ihn ewig ­dafür lieben.

In den späten Achtzigern kamen dann die Platten für Mutter «Hermine» und Vater «Gustav», auf denen er sich ruhiger, nachdenklicher und mehr als Chansonnier gab. Schöne Klänge. Dann aber auch immer wieder witzige Nummern wie etwa «Mit dem Sakko nach Monakko»: «Und ich wär’ ja auch schön auf zakko als Erbschleicher von Monaco», oder «Ratten»: «Und wir sind die Ratten / in eurem Schatten / ihr ­grossen Tiere / ihr Killervampire!»

So ging es nonstop weiter. Doch es wurde auch bekannt, dass Udo mit ernsthaften Alkoholproblemen zu kämpfen hatte: «Lady Whisky / du falsche Schlange / du sprichst von Leben und machst mich langsam tot!» liess es erahnen – da lag was im Argen.

Leider hörte man das immer mehr auch seinen Alben an. Sie wurden zu beliebig und selbstgefällig. Den Produktionen fehlte die Qualitätskontrolle eines gschpürigenProduzenten. Da begann ein Abstieg, wie es sich kein Künstler wünscht. Plötzlich war der grosse Sänger phasenweise nur noch eine Karikatur seiner selbst. Eine Art Durchlauferhitzer ohne Wirkung. Seine ganze Kraft, sein Witz und seine Dringlichkeit waren zugeschüttet. Das war traurig mitanzusehen. Es war ähnlich wie beim anderen grossen Udo (Jürgens) – das Talent und die Magie gingen irgendwo in all den billigen, herzlosen Schnellproduktionen mit den Synthi- und Computer-Effekthaschereien verloren. Hie und da vielleicht noch eine Songperle wie zum Beispiel «Bumerang» oder «Bunte Republik Deutschland». Die waren aber derart antiseptisch produziert, dass sie gar nicht aufblühen konnten. Udo Lindenberg galt plötzlich als yesterday man, ein blasser Geist von gestern. Das muss ihn unendlich geschmerzt haben, denn als wachem, sensiblem Zeitgenossen blieb ihm das natürlich nicht verborgen. Die wahren Freunde wurden weniger, die Probleme ­grösser. Der Panik-Doktor musste ran.

Bei der Lektüre seiner Autobiografie dachte ich wehmütig an die guten alten Zeiten zurück, in denen er mir so viel gegeben hatte. Was war da bloss los? Seine Experimentierlust mit Giften ­aller Art kostete ihn fast das Leben. Doch alle, die Udo damals abgeschrieben hatten, wurden ­eines Besseren belehrt: Resignation und Durchhängen gibt es bei ihm nicht. Der Sensemann wurde weggeschickt. Sein Comeback 2008 mit dem grossartigen Album «Stark wie Zwei» überraschte alle. Ein Werk, bei dem auch andere interessante Künstler wie Jan Delay und Helge Schneider und die Band Silbermond als Gäste mitwirkten. Da war sie wieder, diese unwiderstehliche, originale Udo-Essenz. Ja, der Greis war heiss – der Phönix aus der Flasche.

Der Tod ist ein Irrtum
ich krieg’ das gar nicht klar
Die rufen gleich an und sagen:
Es ist doch nicht wahr
Es war nur ’n Versehen
war ’n falsches Signal
aus irgendeinem fernen Sternental.

Da kam eine neue, bislang ungehörte Kraft, die auch musikalisch voll ins Schwarze traf. Er machte wieder sein Ding, und zwar auf höchstem Level. Ein geläuterter, reifer Udo, all das, was seine Lindianer sich wünschten. Und es war erst der Anfang. Es folgte das fünffach mit Gold ausgezeichnete Album «MTV Unplugged». Wieder traf er den Nerv der Zeit. Die totale ­Lockerheit und das musikalische Streunertum, das ihn auszeichnen, waren allgegenwärtig. Und jetzt startete der Marathonmann voll durch, mit ausverkauften Tourneen durch Grosshallen und Stadien, mit Bilderausstellungen, Ehrungen und schliesslich dem letzten Album «Stärker als die Zeit» – das erhoffte grosse Alterswerk. Ja, Legenden gehen nicht in Rente – sie erfinden sich neu. Die Lichtgestalt, der 71-jährige Rockbarde, ist heute auf seinem Zenit. Sein magischer Wortzauber und seine unwiderstehliche, gebrochene Stimme über der unsterblichen Filmmelodie vom Paten – das toppt alles.

Ich nehm die Sonnenbrille ab, check den Moment
wenn eine Seele die andere erkennt
du spürst sofort, und das ist gut
wir sind Familie, sind ein Clan, wir sind ein Blut
Wir sind ein eingeschworenes Team,
darauf kommt’s an
wir gehen Wege, die kein andrer gehen kann
wie’n Pionier, wie ’n Astronaut
wir gehen dahin, wohin sich sonst kein andrer traut

Es ist nach Mitternacht. Ich bin im Hamburger «Hotel Atlantic» und erweise Udo die Ehre. Ich erlebe einen erstaunlich fitten, wachen und interessierten Menschen. Wir sprechen über Songs, Sounds, Malerei, Steppenwolf, Rocktote, Alter, Meisterschaft, Radikalität und natürlich über Frauen, «keine Dramen mit den Damen» .?.?.

In diesen Stunden wird mir klar, dass alle, die mit ihm erwachsen wurden und dabei jung geblieben sind, einen Komplizen fürs Leben haben. Da gibt’s keinen grantelnden Alterszynismus, sondern Offenheit, Humor, Grosszügigkeit, Neugier und verspielte Leichtfüssigkeit. Udo ist nicht nur ein fantastischer Künstler und Entertainer, sondern, wie Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre so treffend formuliert, «beste Werbung für Menschlichkeit»! Und das ist in Zeiten wie diesen mehr als willkommen.

Chris von Rohr ist Gründer, Bassist und Produzent der Rockband Krokus.

Text: Chris von Rohr
Foto: Tine Acke

Quelle: Weltwoche, 25.12.2017